Der Ausgleicher
Seien Sie doch mal Ausgleicher! Sie wissen nicht was ein Ausgleicher ist? Ich denke, so richtig hat sich die Mehrzahl der Fans sich mit dieser Frage auch noch nicht beschäftigt. Großes Raunen? Wenn man sich mit dieser Frage beschäftigt hat, nur dann ist man in der Lage, seine Investition so zu steuern, dass die Investition gewinnbringend getätigt werden kann. Denn diese Frage ist die Kernfrage zum Rennsystem, die Kernfrage zur Leistungsfähigkeit und die Kernfrage zu Leistungsbeurteilung. Gewinnen Sie im Jahresdurchschnitt? Also gehen wir das Thema an.

Generell ist es die Aufgabe des Ausgleichers jedem Pferd ein Gewicht zuzuordnen, mit dem Ziel die Leistungsfähigkeit eines Pferdes darzustellen. Sinn der Sache? Nun einmal entspricht es irgendwie dem Naturell der Menschen etwas einzuordnen (auch wenn die wenigstens ordentlich sind...) und dann ist es für die Zucht wichtig. Lange Zeit galt es als Voraussetzung, dass der Hengst 98 Kilo als Einstufung erreicht hatte, sonst wäre er für die Vollblutzucht nicht qualifiziert gewesen. Für die Stuten gab es diese Eingangsstufe nicht, zumal wissenschaftliche Untersuchungen eher gezeigt hatten, dass diejenigen Stuten die erfolgreichsten waren, die auf der Bahn gute, aber keine Spitzenergebnisse brachten (über die Gründe kann man nur rätseln, wahrscheinlich braucht auch eine Stute eine überdurchschnittliche Veranlagung, darf aber durch die Rennen nicht ausgelaugt sein). Und zu guter Letzt brauchen wir eine Einstufung für die so genannten „Ausgleichsrennen“. Dazu später.

Wie geht der Ausgleicher vor? Beginnen wir doch gedanklich bei dem Karrierestart eines Pferdes. Vielfach beginnt die Karriere als 2-jähriges Pferd. Auch den 2-jährigen ordnet der Ausgleicher ein Gewicht bei, aber Ausgleichsrennen für 2-jährige, davon habe ich noch nie gehört. Auch wird einem 2-jährigen so gut wie nie ein GAG (Generalausgleich, das Gewicht, welches der Ausgleicher einem Pferd beimisst) von 98 Kilo zugeordnet. Insofern verlassen wir schnell die 2 jährigen und kommen dann zu den 3-jährigen. Hier passiert eigentlich nichts anderes, aber für 3-jährige gibt es auch Ausgleichsrennen und überhaupt beginnt das „wirkliche“ Leben eines Rennpferdes erst jetzt.

Der Ausgleicher gibt jedem Sieger sofort ein GAG, anderen Pferden erst dann, wenn sie dreimal gelaufen sind oder in großen Rennen starteten. Wie vergibt der Ausgleicher nun „sein“ GAG? Gerade bei den ersten Rennen begibt es sich auf dünnes Eis. Er hat nach dem ersten Rennen ja nur als Maßstab, wie weit war der Sieger von den anderen Pferden entfernt. Allein hierauf kann er sich stützen. Er hat seinen Erfahrungswert (geheim) und bewertet das Rennen. Dazu gibt es kein Raster, eben nur Erfahrungswerte. So wird er vielleicht dem Sieger im ersten Rennen (also alles Debütanten) 72 Kilo zumessen, weil er mit 10 Längen vor dem sonst dicht beieinander liegenden Feld ins Ziel kam. Im zweiten Rennen von Debütanten dem Sieger aber nur 67 Kilo, weil er gerade eine halbe Länge vor dem dichten Feld einkommt und im dritten Rennen mit Riesenabständen auf allen Plätzen dem Sieger 71 Kilo (oder 73, je nach Gefühl).

Den platzierten Pferden wird er offiziell kein Gewicht zukommen lassen, solange diese keine drei Rennen gelaufen sind, sich aber insgeheim einen GAG notieren. Bei den folgenden Rennen wird in aller Regel unterschieden in die Rennen von Siegern (und Platzierten), sowie von sieglosen Pferden. Egal ob der Ausgleicher nun mit dem Rechenschieber an die Rennen herangeht, bei denen er das offizielle Gewicht ins Verhältnis zu der Platzierung der Pferde in „Siegerrennen“ oder bei „sieglosen“ Rennen mit dem „geheimen“ GAG herangeht: nun relativiert sich das Gewicht und wird langsam aber sicher dem Leistungsvermögen der Pferde gerecht, soweit es um 3jährige geht.

Aber nicht vergessen: wir haben zwei Gruppen schon unter den jungen (3-jährigen) Pferden: die, die aus Siegerrennen kommen und die, die aus Sieglosen-Rennen kommen. Das Ergebnis sehen wir dann, wenn etwa im April die ersten Ausgleiche für 3-jährige Pferde kommen(„für 3-jährige Pferde GAG –2“ z.B. also nicht für 3-jährige und ältere Pferde, dazu kommen wir auch gleich!): Hier gilt wirklich fast immer das, was man mit „das jüngste Pferd mit dem höchsten Gewicht“ als (nicht ganz korrekte) Regel kennt. Hier ist zwar kein Pferd das Jüngste, aber die Sieger kommen meistens aus der Gruppe der Pferde, die ein hohes Gewicht tragen.

Woher kommt das? Ich mache ein Beispiel; für alle, denen mathematische Sachen zu kompliziert sind, habe ich extra einen Absatz gemacht, damit diese Personengruppe im nächsten Absatz weiterlesen kann. Also, es fand zwei Rennen mit je zwei Pferden statt. Alle 4 Debütanten. In beiden Fällen, was für ein Zufall, gewinnt der Sieger mit 4 Längen vor dem Gegner. Nehmen wir also an, der Ausgleicher gibt beiden (in Köln gelaufen) Siegern 64 Kilo und beiden Verlierern 60 Kilo, getreu der – oft gehandelten Formel 1 Länge= 1 Kilo. Beim nächsten Renntag trifft Sieger1 auf Sieger2 beide mit 57 Kilo. Sieger1 gewinnt mit 2 Längen, worauf der Ausgleicher Sieger1 nun mit 65 Kilo führt, Sieger2 mit 63 Kilo  - also eine einfache statistische Berechnung, ausgehend von der Mitte 64 Kilo (die beide hatten). Anders bei den beiden Verlierern: Verlust1 siegt mit 4 Längen vor Verlust2. Der Ausgleicher notiert sich 62 und 58 Kilo. Wie es der Zufall will, gibt es eine Woche später ein Ausgleichrennen, bei dem alle 4 Pferde – und nur diese 4 Pferde laufen, Ausschreibung: „3-jährige Pferde GAG –10“. Starterfeld also:
1 Sieger1    55 Kilo
2 Sieger2    53 Kilo
3 Verlust1   52 Kilo
4 Verlust2   48 Kilo
Gehen wir einfach davon aus, dass die Formen untereinander stimmten, so hat sich der Sieger aus dem Verliererrennen (verlust1) 2 Kilo eingeheimst, die ihm im Verhältnis zu seinem Bezwinger (Sieger1) nur einen Abstand von 3 Kilo belassen. Er bräuchte aber 4 Kilo. So auch mit Sieger2 im Verhältnis zu Verlust2. Nehmen Sie folgenden Gedanken mit: der Seriensieger aus der Ecke der Sieglosen-Rennen ist tendenziell schwächer als die Platzierten in Siegerrennen, ähnlich wie der Seriensieger aus Verden an der Aller wohl schwächer ist als der Dauerzweite aus Köln. Tendenziell, also mit Ausnahmen. Und da die Pferde im Ausgleich mit hohem Gewicht meist die sind, die aus Siegerrennen kommen, werden diese meist die anderen Pferde schlagen. So kam es also zum Gerücht: „das jüngste Pferd mit dem höchsten Gewicht“. Fazit diese Regel gilt allenfalls für 3-jährige mit höherer Wahrscheinlichkeit.

Und nun kommt etwas, was fälschlicherweise oft dazu führt, dass man von einem guten oder schlechten Jahrgang spricht. Nun treffen die 3jährigen Pferde erstmals auf ältere Pferde. Da ist es nun ganz entscheidend, wie hat der Ausgleicher die Einstufung hinbekommen. War er zu großzügig, sprich, hat er zu wenig GAG gegeben, dann gewinnen die 3-jährigen reihenweise die Ausgleichsrennen. War er zu geizig, also hat zuviel Gewicht vergeben, dann gewinnt ein 3 jähriger selten. War er gut, dann gewinnt optimalerweise jedes 2. Rennen ein 3 jähriger. Gewinnen also die 3 jährigen oft oder selten, dann spricht man nicht von einer schlechten Einschätzung des Ausgleichers, sondern von einem guten oder schlechten Jahrgang. Und das ist leider falsch. Wobei der Ausgleicher keineswegs schlecht war, er hatte nur Pech beim Einstufen der Pferde – wahrscheinlich in den ersten Rennen und muss sehen, dass er dieses in den nächsten Wochen langsam aber sicher korrigiert.

Berücksichtigen muss man, oder besser der Ausgleicher nun zwei Dinge:

Zum einen darf der Ausgleicher nicht solch ein Gewicht vergeben, welches das Siegerpferd aus dem Sieglosen Rennen sofort in den Ausgleich I zwingt, denn sonst würde das Pferd wahrscheinlich 2 Jahre brauchen, um auf das Gewicht zurückzufallen, welches seiner Leistungsstärke entspricht. Wenn ein Pferd ein Gewicht erreicht hat, welches seiner Leistungsstärke entspricht, dann spricht man von „das Pferd ist erfasst“. Normalerweise muss der Ausgleicher sehen, dass er sich an das richtige Gewicht von unten herantastet, um dem Pferd nicht alle Chancen wie beschrieben zu nehmen. Also wird das Gewicht nach einem Sieg normalerweise in Richtung Ausgleich IV, manchmal auch Ausgleich III gehen.

Andererseits muss man bei jungen Pferden auch sehen, dass diese sich entwickeln bzw. eigentlich ja „Halbstarke“ sind, die in der Entwicklung stehen. Insofern ist es ganz normal, dass sich manche frühe „Verlierer“ zu guten bis sehr guten Rennpferden entwickeln. Fast jedes Jahr gelingt es einem Pferd sich aus der Sieglosenklasse über den Ausgleich IV, III, II und I bis hin in die Grand Prix Klasse zu entwickeln. Gleich ein Dutzend Pferde machen diese Entwicklung bis in den Ausgleich II oder I durch.

Durchschnittlich entwickeln die Pferde meiner Erfahrung nach im Frühjahr als 4 jährige ihre höchste Leistung. Ausnahmen natürlich bei Frühreifen; gute Zweijährige sind meist keine guten Rennpferde. Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass viele dieser frühen Renner für ihr Leben „kaputt“ sind („als 2 jähriger Gruppe- platziert, als 4 jähriger kastriert“). Die meisten Cracks wurden erst 3jährig gefordert (=gefördert). Früher gab es einige Trainer, welche die Pferde, wenn überhaupt, dann nur 1-2 mal als 2jährige brachten. Sven von Mitzlaff, Harro Remmert und natürlich Jentzsch (immer langsam mit die jungen Pferde) sind berühmte und lobenswerte Beispiele, was sich meist auszahlte. Auch ein Beweis: es gab genügend Pferde, die mit 3 sieglos waren und mit 5 das erste Grupperennen gewannen.

All diese Faktoren muss der Ausgleicher sehen und berücksichtigen. Aber er hat noch etwas zu betrachten: wenn ein Pferd eine schlechte Form bringt, muss er das Gewicht herabsetzen. Muss er? Er wird sich jedes Rennen genau anschauen und dann entscheiden müssen, liegt die vermeintlich schlechte Leistung am Pferd oder am Rennverlauf, Jockey, Bahnbeschaffenheit, Distanz oder Order? Man kann sich ja gut vorstellen, dass ein Pferd, was gewinnt und dann drei Kilo bekommt, vielleicht noch ein zweites Mal gewinnt, aber dann mit 6 Kilo solange nicht in die Entscheidung eingreifen kann, bis es wieder Nachlass bekommt. Also könnte es lukrativer sein, mehrere Platzgelder zu gewinnen, weil man dort nicht ganz so stark im Focus der Ausgleicher steht, wie die Sieger. Es gibt da schon einige Trainer, die nach diesem Raster die Pferde über Monate in Form halten (was für sich schon einen guten Trainer voraussetzt) und dann erst am Ende der Saison oder Karriere den Sieg folgen lässt.

Letztendlich muss der Ausgleicher auch damit rechnen, dass die Trainer „abkochen“. Also nicht etwa das Pferd in die Sauna schicken (wäre in lustiges Bild, ein Pferd neben seinem Reiter in der Sauna), sondern in Rennen schickt, ohne ernsthaft in das Geschehen einzugreifen zu wollen. Dieses ist mit Sicherheit im Einzelfall nicht sichtbar. Sehen wir es (wirklich und tatsächlich) so: wenn ein Pferd zu hoch im Gewicht steht, dann bringe ich als Trainer das Pferd nicht unbedingt in Hochform, solange ich mir keine Sieg- Platzchance ausrechne. Wenn der Ausgleicher nach und nach das GAG absenkt, dann muss ich als Trainer sehen, dass das Pferd wieder in Schwung kommt. OK, da hat der Trainer einen Riesen Wissensvorsprung vor dem Wetter, aber er begibt sich auch in Gefahr. Denn es kommt schon sehr häufig vor, dass Pferde nicht heil aus dem Rennen kommen eben, weil sie nicht 100% fit waren, sich aber voller Eifer einsetzten. Und ob ein Pferd jemals wieder zu alter Leistungsform auch ohne Verletzung zurückfindet – ich bezweifele das für die Mehrzahl der Pferde. Es gibt ganz harte Brocken, die laufen mit 13 Jahren immer noch treu und brav ohne ein Wehwehchen. Aber es gibt auch die Cracks, die nach Gruppe Sieg in die Winterpause gehen, ausspannen dürfen und nie mehr die Form erreichen, die sie hatten. Das sieht man Jahr für Jahr im April bzw. Mai. Erst dann weiß man: das Pferd ist wieder da und so langsam ahnt man: der 3-jährge kommt hinzu. Der Rest ist weg vom Fenster... manche Gruppe-Platzieren sieht man dann bei Besitzertrainern im Ausgleich IV wieder, speziell ehemalige Derbystarter!

Nun wissen Sie auch, warum es manchmal vorkommt, dass ein Pferd aus heiterem Himmel ohne sichtbare Form gewinnt. Das sind die Fälle, bei denen die Rennleitung die Trainer befragen muss, woher denn diese Formverbesserung kommt. Doch auch da muss man fairerweise sagen: das wissen auch Trainer nicht immer. Denn wenn sie wüssten, wie gut „ihr“ Pferd in Schwung ist, dann würden sie einiges Geld auf die Pferde setzten. Bei hoher Quote kann man also davon ausgehen, dass der Trainer und sein Umfeld selbst überrascht wurde. Manchmal kann man aber Formverbesserung auch erkennen, obwohl ein Pferd nicht unter den ersten 4 war. Wenn also ein Pferd unterwegs von sich aus aufrücken konnte, ohne das der Jockey treibt („das Pferd bietet sich an“), dann könnte das Hinweis für eine ansteigende Form sein. Leider befragt die Rennleitung meiner Einschätzung nach mehr als die Hälfte der Trainer ohne Grund. Würde die Rennleitung alle gebotenen Mittel anwenden, würden die meisten Befragungen nicht nötig, einige wenige dafür angeraten sein!

Wie genau der Ausgleicher seine Arbeit macht, ist damit  beleuchtet, aber nicht vollends erhellt. Das kann anders auch nicht sein, denn schlussendlich ist es sein „Geschäftsgeheimnis“, wie er es macht. Wenn Sie Lust haben, dann versuchen sie es einfach mal nachzuvollziehen. Wenn also in einem Rennen 4 oder gar 5 Pferde sich vor kurzem schon einmal getroffen haben, rechnen sie mal aus, wer müsste eigentlich vor wem sein. Und bald wissen Sie, das allein ist es auch nicht. Was keiner berechnen kann ist Rennverlauf, Order und Können und Glück des Reiters!

In diesem Sinne: Sehen Sie alle GAG als Versuch und nicht als der Weisheit letzter Schluss. Niemals ist ein Pferd so in Form wie gestern und niemals so wie morgen. Nicht so gut oder nicht so schlecht. Halt wie bei uns Menschen, den so ein Pferd ist ja auch nur ein Mensch.