Es kann nicht mehr bestritten werden. Dem Galopprennsport droht die Insolvenz. Viele Möglichkeiten wurden vertan, viele Chancen wurden verpasst. Wie immer geht es um Geld. Hier also das Thema Wetteinsatz.

Wie viel Buchmacher existieren heute in Deutschland, wie viel waren es vor 5, 10 und 15 Jahren? Ich habe es nicht gezählt. Nur als ich vor 15 Jahren nach Buchmachern fragte, beschränkte sich das Angebot auf einen Buchmacher pro Großstadt. Traditionelle Wettstädte wie HH oder B hatten sogar 3 oder 4. Die Rennvereine hatten an ihrem Sitz Wettannahmestellen zu Bahnkonditionen. Die Umsätze waren teils wohl recht gut. Mir ist sogar ein Buchmacher bekannt, der sein Buchmachergeschäft zu Gunsten einer Wettannahmestelle als Nachfolger des Rennvereins aufgab. Nunmehr findet man in mittleren Städten Buchmacher und in Großstädten 4,5 oder mehr. Ganze Ketten (Springer) sind entstanden und das Internet bietet ebenfalls viele Möglichkeiten. Annahmestellen der Rennvereine sind – soweit ich es überblicke – verschwunden. Resümee: Es sind immer mehr Wettgelder geflossen, die Wettbüros sind voller und größer als früher. Die Wetter haben die “Location”, wie man heute so treffend sagt, gewechselt.

Gründe? Siehe Unterhaltungswert. Auswirkung hier:

Ich habe vier Personen gebeten über eine gewisse Zeit (Mai/ Juni 2004) hinweg ihre Wettgewohnheiten zu dokumentieren. Hier sind die Ergebnisse im Überblick:

Person

monatl. Einzahlung

monatlicher Umsatz

Anteil Buchmacher/ Bahn

Einsatz je Wette

Rentner

knapp 200 €

ca. 600 €

100% Buchmacher

0,50 €

Neuwetter

100 € Limit

Je nach Gewinn

100% Buchmacher

0,10 €

Kfm. Angestellter

Keine Angaben

2.200 €

100 % Buchmacher (Ausnahmen BB, HH)

0,50 €

Selbst. Vertreter

Keine Angaben

2.500 €

50% Buchmacher/ Bahn*

1 € / 1,50 €












  
* gilt nur für Mai 2004 (Baden-Baden). Der Anteil der Wetten in den Totalisator über den Buchmacher ist unklar, will nicht weiter darauf eingehen

Zugegeben, zwei der Personen kenne ich vom Buchmacher her. Aber ändert es etwas daran, dass dem Rennverein die Einsätze weitgehend verloren gehen?

Die Wetter wetten am Limit ihrer Finanzkraft, Spieler überziehen ihre Finanzkraft

Betrachten wir die vier Wetter im Wettverhalten

Der Rentner
Der Rentner gibt pro Monat nach eigenem Bekunden 1200 Wetten jeden Monat ab. Gehen wir mal davon aus, dass er 10 Mal im Monat seinen Buchmacher besucht. So macht er am Tage rund 120 Wetten! Dabei teilt er die Wetten zu 50% in Zweierwetten, 40% Dreierwetten und 10% Siegwetten einschließlich Schiebewetten ein.

„Normal“ sucht er sich für die Zweierwette ein Stellpferd heraus und kombiniert diese mit 4 Pferden auf Platz eins und zwei. Nichts ungewöhnliches. 8 Wetten pro Rennen. Bei 8 Rennen also 64 Wetten. Da er nicht jedes Rennen wettet bzw. auch mal nur 3 Pferde oder auch 5 Pferde kombiniert, kann man die Aussage prüfen und stellt fest: stimmt!

Dazu macht er immer einen gewissen Anteil an Dreierwetten. Meist an bestimmten Orten, seine „Erfolgsorte“ wie er sie nennt. Dort macht er – wie ich es hier empfahl – 1 Sieger und 4 Kombi. Zwei bis drei Mal am Tag. Je nach Gefühl, Lust und Laune.

Dann hin und wieder Sieg, meist als Schiebewette mit 4 Pferden. Sieg und Platz je 2 €.
Besonderheit: keine

Wenn der Rentner auf der Bahn wetten wollte, müsste er sein Verhalten ändern:

Möglichkeit 1: Seinen Einsatz erhöhen     Das kann er nicht
Möglichkeit 2: Seine Wetten reduzieren   Das will er nicht

Ist dieser Kunde für die Rennvereine nicht interessant?
Für die Buchmacher offensichtlich schon. Diese leben von ihm!

Ich sehe bei den Rennen in Mülheim immer einen älteren Herr genau rechts an dem Eingang der Pferde vom Führring zur Rennbahn - neuerdings mit Klappstuhl. Ich kenne ihn nicht. Aber er ist für mich das Sinnbild des alten Wetters. Ist bei Wind und Wetter auf der Bahn, sein liebstes Hobby, finanziert von karger Rente...

Der Neuwetter (Internetwetter)
Er hat noch nicht so viel Erfahrung/ Ahnung und ist entsprechend vorsichtig. Er zahlt bei einem Internetbuchmacher 100 € im Monat ein, macht hauptsächlich Dreierwetten. Entweder nach dem Muster ein Pferd auf 1-2-3 (hat der Buchmacher ihm empfohlen) mit „alle“ auf Kombi, meist aber ein Pferd 1-2 und „alle“ auf Kombi. Rechne ich mal nach: Bei 100 Euro sind also 1000 Wetten möglich. Bei durchschnittlich 9 Startern und einem 1-2 Pferd muss er also 84 Wetten (7 mal 6 mal 2) abgeben. Wenn er also einen Monat nichts gewinnt (was er freimütig zugibt, aber betont, dass er auch schon einen 12.000 = 120 Euro Gewinn hatte), so kann er also 12 Rennen wetten. Siegwetten hat er früher gemacht. Die waren andauernd zweiter. Also hat er sich die Sache mit der DW ausgedacht, wo er nun erfolgreicher ist oder das „es“ zumindest nun mehr Spaß macht. Meist hat er so um die 40, 50 Euro am Monatsende über (also 50- 60 € minus)

Besonderheit: Wenn er zur „Bahn“ geht, dann wettet er bei seinem Buchmacher vorher. Auf der Bahn wettet er nur, wenn eines seiner Stellpferde nicht läuft. Dann wettet er dieses mit Sieg/ Platz 2 €. Kommt aber selten vor. Guckt aber meistens per Internet.

Wollte der Neuwetter auf der Rennbahn spielen, so müsste er sein Verhalten ändern, aber er will gar nicht, weil man ihm so und so niemals seine 10 Cents- Wetten abnehmen würde. Und irgendwie ist es ihm auch peinlich gegenüber anderen über diese Mini-Einsätze zu reden. Sonst sagt er es eigentlich keinem. Da haut er schon mal auf den Putz und spricht von 1,5 € oder gar von 5 € Einsatz. Aber nur nachdem er gewonnen hat...

Der kaufmännische Angestellte
Er wettet ausschließlich Dreierwetten a´50 Cents, bei besonders erfolgversprechenden Wetten auch mal 1 Euro. Somit rund 4000 Wetten im Monat!!!! Meist in der Variation einen festen Sieger und 4, 5 oder 6 Pferde als Kombi dran. Wettet selten bei weniger als 9 Startern. Erst bei 12 Pferden und mehr macht er 5 Pferde als Kombi. Wenn es sein muss auch mal 6 Kombipferde. Macht also pro Rennen 12, 20, 30 oder gar 42 Wetten!!! Oder anders ausgedrückt: Wettet pro Rennen im Schnitt 18 € (genau ermittelt!). An Renntagen mit guten Feldern also pro Renntag über 150 € (= 300 DM).

Besonderheit: Beim Rennbahnbesuch BB oder HH wettet er in den Bahntotalisator über Wettkonto und macht auf der Bahn spontane Ergänzungen von bis zu 50 € zusätzlich/ Tag. Besucht bei entsprechendem interessanten Angebot alle Rennbahnen seines Einzuggebietes, wettet aber nicht in den Totalisator.

Wollte dieser Wetter auf der Bahn wetten, so müsste er sein Verhalten ändern:

Möglichkeit 1: Seinen Einsatz erhöhen     Das will er nicht
Möglichkeit 2: Seine Wetten reduzieren   Das will er nicht

Ist dieser Kunde für die Rennvereine nicht interessant?
Für die Buchmacher offensichtlich schon. Diese leben von ihm!

Ich verstehe den Wetter gut! Ich selbst bin exzellenter Skat-Spieler, wenn es um nichts oder um 1/10 geht. Ich habe die letzten 5 Skatturniere dreimal auf Platz 1 und je einmal auf Platz 2 und 3 beendet. Wenn ich um ü oder mehr Cent spiele, bin ich verkrampft und verliere die besten Spiele. Reine Nervensache. Aus Spaß an der Freude kenne ich keine Nerven. Da geht es eben nicht um Geld. So verstehe ich diesen Wetter sehr gut.

Der selbständige Vertreter
Wettet ausschließlich Dreierwetten. Sucht sich zwei  [(1) und (2)]Sieger heraus. Dazu noch ein weiteres Pferd als zusätzliches Stellpferd (3. Dann macht er folgende Wetten:
1-2-2/ alle
1-3-3/ alle
2-1-1/ alle
2-3-3/ alle

Sucht sich „passende“ Rennen heraus, bei denen er bezüglich ein, zwei Pferden gutes Gefühl hat. Meist sind es die Favoriten. Dazu sucht er sich dann noch ein oder auch das zweite Pferd rein nach Quote aus (muss mehr als 100 zahlen und einen guten Jockey haben). So kommt er bei 12 Startern auf 80 Wetten. Wettet, wenn er auf der Bahn ist, in den Totalisator, sonst beim Buchmacher. Bahnbesuche vorwiegend Baden und München (selten). Spricht nicht offen über seine Wettgewohnheiten (Buchmacher oder Totalisator?). Macht offensichtlich Buchmacherwette, wenn er befürchtet, die eigene Quote bei Zahlung über Totalisator zu drücken. Mit 1 € Einsatz kann der Buchmacher die Wette nicht abdrücken. Macht allerdings dann Totalisator, wenn er befürchten muss, dass die Wette auf der Bahn keiner trifft und er so die Ersatzquote (meist kleiner als Bahnquote im Falle, dass diese Wette nur einmal getroffen wird). Bekommen würde. Gilt als „Wettprofi“.

Bei diesem Wetter ist die Rennbahn ohne Chance – Ausnahme Baden, weil dort Einsatz ausreichend hoch.

Fazit
Es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass damit fast ein Viertel der Einsätzen (1250 von 5.500 €) der Einsätze von Buchmacherkunden ihre Einsätze über den Totalisator laufen. Der “Vertreter” ist nach meinen Beobachtungen einer von zwei Kunden bei dem Buchmacher, der Wetten überhaupt in den Totalisator gibt. Das meiste Geld geht in Buchmacherwetten. Buchmacher blockieren teils durch Mindesteinsätze (10 € oder gar mehr). In einschlägigen Internetforen kann man zwischen den Zeilen lesen, dass auch diese Wetter zumindest in größerer Anzahl Buchmacherwetter sind. Bemerkungen wie “gucke mir die Rennen beim Buki an” sprechen Bände.

Für Sieg und Platzwetter ist die Buchmacherwette keine Alternative – Ausnahme die Handvoll 1 € Wetter. Dies gilt – wegen des Gesamtumsatzes – auch für die Platzwillingswette.  Dies liegt in der „Natur“ der Sache. Grundeinsatz ist gleich Gesamteinsatz, 2 € akzeptabel.

Anders bei der Dreierwette (ähnliches mag für die Zweierwette gelten): eine halbwegs „vernünftige“ Kombinationswetten besteht aus 12 bis 84 Wetten (siehe die vier Wetter). Der Einsatz pro Bahn beträgt bei 9 Rennen am Tag demnach 120 bis 1134 €! Wer soll das finanzieren?

Die generelle Senkung auf 1 € pro Wette ist das falsche Signal. Dadurch reduziert sich der Gesamteinsatz der „Kleinwetter“ auf 66%. Kombiwetter werden kaum gewonnen. Besser ist folgende Regel:

Mindesteinsatz-Regel-Vorschlag Einzelpreis Mindest pro Schein
  Wetteinsatz pro Wette                    2,00 €           2,00 €
  ab 10 Wetten                                     1,00 €          10,00 €
  ab 20 Wetten                                     0,50 €          10,00 €
  ab 40 Wetten                                     0,25 €          10,00 €
Wenn man sich scheut, dies auf der “Bahn” anzubieten, dann wäre doch Internetwette (leichtere Erklärungsmöglichkeit) als Einführung passabel.
Per Internet würde ich sogar soweit gehen, die 10 Cent Wetter über die Mindest-Schein-Einsätze anzusprechen.


Umschreiben wir es kürzer:
  Einzelwetten   Einsatz je Wette (Zweierwette)  2 €
  Kombiwetten  Einsatz je Wette ab 0,25 € bei Mindesteinsatz 10 € pro Schein.
Wenn Buchmacher solche Konzepte erfolgreich vermarkten, warum sollte das Direktorium dies nicht schaffen?

Diese Maßnahmen würden sofort wirken. Die Umsatzsteigerung ad hoc kann man mit 20-30 % ansetzen. Nach kurzer Einführungsphase bis zu 50%! Wenn man einen Weg findet, die Wetter, die nicht direkt auf der Bahn wetten, anzusprechen, wäre mit einem
Umsatzplus von über 100% zu rechnen sein, wetten dass? Schon allein der Umstand, dass man als Kölner (M, F, H, usw. ) nicht mehr vor dem Rennen den Weg zur Bahn über den Buchmacher nehmen muss, erhöht den Umsatz ungemein!!!